Porträt von Joel Roerick

Joel Roerick

30. März 2026

Was ist Recovery?

Recovery heißt Genesung. Das klingt einfacher, als es ist. Denn hinter dem Begriff stecken zwei grundverschiedene Vorstellungen davon, was Genesung bedeutet – und welche Rolle Betroffene dabei spielen. Das klinische Modell denkt vom Krankheitsbild her: Symptome sollen verschwinden, Normalität wiederhergestellt werden. Der Recovery-Ansatz denkt anders. Er stellt die Frage, was möglich ist – nicht, was kaputt ist.


„Recovery bedeutet, so gut wie möglich zu leben." (South London and Maudsley NHS Foundation Trust, 2010, eigene Übersetzung)

Das ist die wohl kürzeste und prägnanteste Definition von Recovery, die in der wissenschaftlichen Literatur zitiert wird. Und sie ist ein guter Ausgangspunkt, um zu verstehen, worum es geht.


Recovery heißt erst mal: Genesung

Das englische Wort Recovery klingt im Deutschen exotischer, als es ist. Schaut man in Wörterbücher wie Merriam-Webster oder Pons, findet man eine Vielzahl an Übersetzungen: Erholung, Wiedergewinnung, Rückgewinnung – und eben Genesung. Im medizinischen Kontext ist „Genesung" die naheliegendste Übersetzung. Nichts Geheimnisvolles also. Recovery heißt Genesung.

Die Frage ist nur: Welche Art von Genesung?


Zwei Modelle von Genesung

In der Psychiatrie haben sich zwei grundverschiedene Vorstellungen davon entwickelt, was Genesung bedeutet: klinische Genesung (_clinical recovery_) und persönliche Genesung (_personal recovery_). Mike Slade hat diese Unterscheidung systematisch herausgearbeitet und den Begriff personal recovery als eigenständiges Konzept in der Fachliteratur verankert (Slade, 2009).

Klinische Genesung denkt vom Krankheitsbild her. Sie meint einen objektiv beschreibbaren Endzustand: Symptome lassen nach oder verschwinden, Betroffene kehren in ein „normales" Leben zurück – und gelten dann als genesen (Slade, 2009). Was genau diese Normalität ausmacht, wird von Fachleuten definiert und bewertet. Im Zentrum stehen Diagnostik, Defizite und Symptomreduktion. Welche Kriterien eine solche Normalität festlegen, erscheint allerdings diskussionswürdig (Ralph & Corrigan, 2005).

Persönliche Genesung denkt anders. Sie versteht Genesung nicht als Endzustand, sondern als Prozess des persönlichen Wachstums. Nicht die Symptome stehen im Mittelpunkt, sondern Fähigkeiten und Potenzial. Nicht Fachleute bewerten, ob jemand genesen ist – das tut die betroffene Person selbst. Die eigene gelebte Erfahrung und eigene Entscheidungen leiten den Weg, nicht allein professionelles Fachwissen. Und der Fokus liegt auf Stärkung statt auf Reduktion.

Wenn ich von Recovery spreche, meine ich persönliche Genesung im Sinne des Recovery-Ansatzes. Und nichts anderes.


Woher kommt der Recovery-Ansatz?

Seit Ende der 1970er Jahre äußern Betroffene vermehrt, dass das klinische Modell nicht ihre Wirklichkeit widerspiegelt. Pionier:innen wie Judi Chamberlin und Patricia Deegan – selbst Psychiatrie-Erfahrene – beschreiben Genesung als etwas, das nicht von außen verordnet werden kann, sondern von innen heraus wächst (Chamberlin, 1978; Deegan, 1988). William Anthony hat diese Perspektive begrifflich auf den Punkt gebracht: Recovery sei ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Prozess, bei dem ein Mensch Einstellungen, Werte, Gefühle, Ziele und Fähigkeiten verändert – und trotz der durch Krankheit verursachten Einschränkungen ein erfülltes, hoffnungsvolles und beitragendes Leben führt (Anthony, 1993). Slade (2009) hat darauf aufbauend die theoretische Abgrenzung zwischen klinischer und persönlicher Genesung formuliert, wie oben beschrieben. Die Modellbildung wird in einem eigenen Beitrag vertieft.


Genesung im Sinne von Recovery

Was heißt das also konkret? Genesung im Sinne des Recovery-Ansatzes bedeutet: Ein Mensch findet seinen eigenen Weg, mit Krankheit, Krise oder Behinderung zu leben. Hoffnung ist möglich. Neue Ziele sind möglich. Sinn kann wachsen – auch wenn nicht alles leicht ist und auch wenn Symptome bleiben.

Es gibt keine Einheitslösung. Jede Person geht ihren Weg in eigenem Tempo. Recovery meint nicht nur medizinische Behandlung, sondern körperliche, seelische und soziale Entwicklungen. Der Recovery-Ansatz positioniert sich dabei weder für noch gegen Medikamente. Manche Menschen erleben Psychopharmaka als hilfreich, andere nicht. Was zählt, ist die eigene Wahl – und dass diese Wahl auf Augenhöhe getroffen wird – wirklich auf Augenhöhe, gemeinsam mit Fachkräften, nicht von ihnen bestimmt. Betroffene sind Expert:innen für ihr eigenes Leben.

Und die eigene Sicht steht im Mittelpunkt. Wirklich. Was persönliche Genesung betrifft: Wenn du dich gesund fühlst, dann bist du gesund – egal, was Fachkräfte sagen. Und wenn Symptome zu deiner Realität gehören, dann gehören sie zu deiner Realität. Ich habe einmal mit einem Klienten gearbeitet, der Stimmen hörte. Er redete wild und vergnügt mit seinen Stimmen, hatte offensichtlich Spaß dabei – und schaute mich irgendwann an – halb abschätzig, halb triumphierend, mit einem Augenzwinkern und einer wegwerfenden Handbewegung: „Du verstehst ja nichts davon. Du hörst ja keine Stimmen." Er hatte recht. Genesung bedeutete für ihn nicht die Abwesenheit von Stimmen, sondern einen Umgang mit den Stimmen, der ihm Lebensqualität bot. So gut wie möglich leben – genau das.


Recovery und Krise

Die Unterschiede zwischen den beiden Genesungsmodellen werden besonders deutlich, wenn wir über Krisen sprechen. Von einer psychosozialen oder psychiatrischen Krise ist dann die Rede, wenn eine Person ihr seelisches Gleichgewicht verliert, sich überfordert sieht und die Situation aktuell nicht bewältigen kann (Cullberg, 2008; Sonneck et al., 2016). Doch was eine Krise ist und wie mit ihr umgegangen werden soll – darüber gehen die beiden Genesungsmodelle weit auseinander.

Im klinischen Verständnis gilt eine Krise als Pathologie, als psychiatrischer Notfall, gar als „objektiv identifizierbares Krankheitsbild" (Gullslett et al., 2016). Krise ist ein Versagen oder ein Rückfall. Die Krisenintervention wird von professionellem Fachwissen geleitet, Genesung ist ein Ergebnis der Behandlung, und der Fokus liegt auf der Reduzierung von Defiziten und Symptomen. Fachleute bewerten, ob die Krise überwunden ist.

Der Recovery-Ansatz sieht Krisen anders. Hier wird Krise als eine „legitime und wertvolle menschliche Erfahrung" beschrieben (Watson et al., 2014) – ein aktiver Raum, der zum Wachstum beitragen kann. Der Recovery-Prozess ist geleitet von gelebter Erfahrung und eigenen Entscheidungen, nicht allein von Fachwissen. Genesung ist ein Prozess des persönlichen Wachstums und rein subjektiv. Und der Fokus liegt auf der Stärkung von Fähigkeiten und Potenzial, nicht auf Defiziten.

Das heißt nicht, dass Recovery ohne Schmerz denkbar wäre. Patricia Deegan beschreibt den Beginn von Recovery als das Erleben einer „dunklen Nacht der Verzweiflung" – und im weiteren Verlauf die Erfahrung, dass Rückschläge Teil des Prozesses sind (Deegan, 1988). Der Weg ist nicht gerade. Er ist auch nicht leicht. Aber der entscheidende Perspektivwechsel liegt darin, dass Krisen nicht nur etwas sind, das es zu überstehen gilt. Sie können auch Aufbruch sein, Ausgangspunkt für etwas Neues (Borg et al., 2011; Neumann, 2023). Es geht darum zu verstehen, wie Betroffene Krisen erleben und welche Art von Unterstützung sie als hilfreich empfinden (Borg et al., 2011) – und darum, Ressourcen zu entdecken statt Defizite zu behandeln. Die Frage lautet nicht: Was ist kaputt? Sondern: Wie kann das „kreative Potenzial von Krisen" entdeckt werden (Neumann, 2023)? Was braucht dieser Mensch, um aus der Krise heraus einen Schritt zu tun – nicht zurück in eine vermeintliche Normalität, sondern vorwärts, in sein Leben?

Für die Eingliederungshilfe ist dieser Perspektivwechsel besonders relevant. Hier werden Menschen begleitet, die häufig nicht von kurzfristigen Krisen betroffen sind, sondern mit chronisch-protrahierten Krisen leben – manchmal über Jahrzehnte. Sie gelten als „austherapiert", tragen das Stigma, nicht therapiefähig zu sein. Recovery-Orientierung in der Eingliederungshilfe heißt, genau hier anzusetzen: nicht bei der Frage, was nicht funktioniert, sondern bei der Frage, was möglich ist.

Kurz gesagt: Recovery heißt Genesung. Und es heißt noch viel mehr: den eigenen Weg finden, Hoffnung nähren, Sinn entdecken und ein erfülltes Leben führen – auch mit Krankheit, Krise oder Behinderung.


Literatur

Anthony, W. A. (1993). Recovery from mental illness: The guiding vision of the mental health service system in the 1990s. Psychosocial Rehabilitation Journal, _16_(4), 11–23. https://doi.org/10.1037/h0095655

Borg, M., Karlsson, B., Lofthus, A.-M. & Davidson, L. (2011). "Hitting the wall": Lived experiences of mental health crises. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-being, _6_(4), 7197. https://doi.org/10.3402/qhw.v6i4.7197

Chamberlin, J. (1978). On our own: Patient-controlled alternatives to the mental health system. Hawthorn Books.

Cullberg, J. (2008). Krisen und Krisentherapie. Psychiatrie Verlag.

Deegan, P. E. (1988). Recovery: The lived experience of rehabilitation. Psychosocial Rehabilitation Journal, _11_(4), 11–19. https://doi.org/10.1037/h0099565

Gullslett, M. K., Kim, H. S. & Andersen, A. J. W. (2016). "Emotional darkness without solutions": Subjective experiences of mental health crisis. International Journal of Mental Health, _45_(3), 161–170.

Neumann, F. (2023). Krisenintervention. In I. Jungkunz, A. Köberlein & F. Neumann (Hrsg.), Handbuch Sozialpsychiatrie. Psychiatrie Verlag.

Ralph, R. O. & Corrigan, P. W. (2005). Recovery in mental illness: Broadening our understanding of wellness. American Psychological Association.

Slade, M. (2009). Personal recovery and mental illness: A guide for mental health professionals (1. publ). Cambridge University Press.

Sonneck, G., Kapusta, N., Tomandl, G. & Voracek, M. (2016). Krisenintervention und Suizidverhütung (3. Aufl.). Facultas.

South London and Maudsley NHS Foundation Trust. (2010). Social Inclusion and Recovery (SIR) Strategy 2010–2015. SLaM Partners. https://www.slamrecoverycollege.co.uk/uploads/2/6/5/2/26525995/sir_strategy_2010-2015_-_final_version1.pdf

Watson, S., Thorburn, K., Everett, M. & Fisher, K. R. (2014). Care without coercion—Mental health rights, personal recovery and trauma-informed care. Australian Journal of Social Issues, _49_(4), 529–549.


Veröffentlicht am 2026-03-30 auf joelroerick.com/blog/2026/03/was-ist-recovery