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28. Juli 2026
Wenn Liebe tanzt
Tu beAw erinnert daran, dass Liebe dort beginnt, wo Menschen sich ohne Status, Angst und festgelegte Kategorien begegnen. Ein Plädoyer für Vielfalt, Mut und Hoffnung.
Tu beAw erinnert daran, dass Liebe dort beginnt, wo Menschen sich ohne Status, Angst und festgelegte Kategorien begegnen. Ein Plädoyer für Vielfalt, Mut und Hoffnung.
Tag der Liebe
Es gibt einen alten jüdischen Freudentag, der lange fast vergessen war: Tu beAw. Der Name bezeichnet den fünfzehnten Tag des Monats Aw im jüdischen Kalender.
Tu beAw gehört nicht zu den großen jüdischen Festen mit umfangreichen Ritualen. Heute wird der Tag besonders in Israel wieder als Tag der Liebe begangen. Manchmal wird er vereinfacht als „jüdischer Valentinstag“ bezeichnet. Das macht ihn leicht verständlich, wird seiner eigenen, weit älteren Geschichte jedoch nicht ganz gerecht.
Die Mischna – eine der grundlegenden Schriften des rabbinischen Judentums – bezeichnet Tu beAw als einen der freudigsten Tage des Jahres. Sie erzählt von den Töchtern Jerusalems, die in geliehenen weißen Kleidern in die Weinberge hinausgingen und dort tanzten. Junge Männer kamen hinzu, um ihnen zu begegnen und eine Partnerin zu finden. Die weißen Kleider wurden ausdrücklich geliehen, damit niemand wegen Armut beschämt werden sollte (Mischna Ta'anit 4:8).
Sie kamen, um zu tanzen, zu schauen, sich zu verlieben, sich zu zeigen – und sich zu trauen.
Die Überlieferung erzählt diese Geschichte in den Geschlechterrollen ihrer Zeit. Mein Text liest sie bewusst aus einer heutigen Perspektive weiter. Nicht, weil die Mischna bereits moderne Vorstellungen von Geschlecht oder sexueller Orientierung formulieren wollte, sondern weil ihre Grundidee zeitlos erscheint: Menschen begegnen einander ohne soziale Rangordnung und ohne Beschämung.
Weiß wie ein Anfang
Die jungen Frauen trugen Weiß.
Nicht ihre eigenen Kleider.
Geliehene.
Alle.
Die Mischna nennt den Grund ausdrücklich: Niemand sollte beschämt werden, weil sie kein eigenes schönes Gewand besaß. Deshalb liehen selbst wohlhabende Frauen ihre Kleider aus. Sichtbarer Reichtum sollte an diesem Tag keine Rolle spielen (Mischna Ta'anit 4:8).
Die Reichen und die Armen.
Die Schüchternen und die Mutigen.
Weiß wie ein unbeschriebenes Blatt.
Weiß wie ein Anfang, der noch alles sein kann.
In diesen geliehenen weißen Kleidern geschah etwas Bemerkenswertes: Für einen Moment sollte nicht entscheidend sein, woher jemand kam, was jemand besaß oder welchen gesellschaftlichen Rang jemand hatte.
Es zählte, dass Menschen einander begegneten.
Mit ihrer Hoffnung.
Mit ihrer Unsicherheit.
Mit ihrer Freude.
Liebe in allen Facetten
Liebe sieht nicht immer gleich aus.
Sie hat auch nie gleich ausgesehen.
Die Weinberge werden in dieser Erzählung mehr als ein geografischer Ort. Sie werden zu einem Bild für Räume, in denen Menschen sich zeigen dürfen, ohne zuerst bewertet zu werden.
Wer in diese Weinberge geht – in welchem Körper auch immer, mit welcher Geschichte auch immer –, tut etwas zutiefst Menschliches:
Sich zeigen.
Hoffen.
Dem Blick eines anderen Menschen begegnen.
Die Mischna spricht von jungen Frauen und jungen Männern. Das entspricht ihrer historischen Entstehungszeit. Die grundlegende Idee dieser Erzählung lässt sich jedoch weiterdenken: Würde entsteht dort, wo Menschen nicht nach Besitz, Herkunft oder gesellschaftlichem Status beurteilt werden.
Für mich schließt das heute selbstverständlich auch Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten ein.
Queere Liebe ist deshalb keine andere Form von Liebe.
Sie ist Liebe.
Mit derselben Nervosität.
Dem gleichen Herzklopfen.
Der gleichen Angst vor Zurückweisung.
Und derselben Hoffnung, angenommen zu werden.
Nach der Trauer, vor dem Mut
Tu beAw liegt nur wenige Tage nach Tischa beAw, dem neunten Tag des Monats Aw.
Tischa beAw ist der bedeutendste jüdische Trauertag. Die Mischna verbindet ihn unter anderem mit der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem sowie weiteren Katastrophen der jüdischen Geschichte (Mischna Ta'anit 4:6–7; Babylonischer Talmud, Ta'anit 29a–30b).
Gerade deshalb berührt mich die Reihenfolge.
Erst die Trauer.
Dann die Liebe.
Erst die Erinnerung an Verlust.
Dann die Einladung, wieder Vertrauen zu wagen.
Auch Menschen außerhalb des Judentums kennen diese Bewegung.
Fast jede Biografie kennt Zeiten, in denen alles zerbrochen schien.
Und manchmal kommt irgendwann der Moment, an dem wir wieder aufschauen.
Für manche Menschen ist dieser Weg besonders schwer.
Weil sie gelernt haben, dass ihre Art zu lieben angeblich falsch sei.
Dass sie sich verstecken müssten.
Dass für sie kein Platz in den Weinbergen sei.
Doch die Geschichte von Tu beAw erzählt etwas anderes.
Die Weinberge gehören allen.
Die Einladung
Die Weinberge sind noch da.
Vielleicht nicht als wirklicher Ort.
Aber als Möglichkeit.
Das weiße Kleid wartet.
Nicht als Kleidung.
Sondern als Erinnerung daran, dass Würde nicht gekauft werden muss.
Und die Frage ist noch dieselbe:
Traust du dich, hinzuschauen?
Traust du dich, dich sehen zu lassen?
So wie du bist.
Mit wem auch immer dein Herz schlägt.
Liebe ist keine Ablenkung von dem, was wirklich zählt.
Liebe – in all ihrer Verletzlichkeit, ihrer Freude, ihrer Körperlichkeit und ihrer Vielfalt – gehört selbst zu den kostbarsten Erfahrungen menschlichen Lebens.
Die alte Erzählung von Tu beAw trägt diese Hoffnung seit fast zweitausend Jahren.
Vielleicht ist sie heute aktueller denn je.
Quellen
Babylonischer Talmud, Ta'anit 29a–30b. Sefaria. https://www.sefaria.org/Taanit.29a
Babylonischer Talmud, Ta'anit 30b–31a. Sefaria. https://www.sefaria.org/Taanit.30b
Mischna Ta'anit 4:6–8. Sefaria. https://www.sefaria.org/Mishnah_Ta%27anit.4.6
Mischlei 31:30–31. Sefaria. https://www.sefaria.org/Proverbs.31.30-31
Schir haSchirim 3:11. Sefaria. https://www.sefaria.org/Song_of_Songs.3.11