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21. Juni 2026
Traum im Traum
Vor über zwanzig Jahren schrieb ich diesen Text für eine Performance. Er handelt von einem Traum: vom Bau eines Hauses mitten in der Landschaft, von einer verlassenen Stadt und von zwei Herrschern — dem mit der eisernen Faust und dem mit dem honigsüßen Lächeln —, die am Ende dieselbe Beute teilen. Heute lese ich ihn wieder und erschrecke, wie aktuell er geblieben ist. Woran erkennen wir die Macht, die sich als Wohlwollen tarnt — und gibt es einen Ort, der nicht von Ausbeutung lebt?
Ich habe vor langer Zeit einen Traum geträumt. In diesem Traum erbaute ich ein Haus. Und zwar ganz genau in der Mitte der Landschaft. Es gab keinen wirklichen Grund, ganz genau in der Mitte der Landschaft ein Haus zu bauen. Doch was heißt schon „wirklich"?
Vor langer Zeit, lass es zehn, zwanzig, fünfzig oder hundert Jahre her sein, da habe ich die Stadt verlassen. Sie wollten mir dort keine Unterkunft geben. Einen Palast voller Sklaven und Perlen, den hätten sie mir gegeben. Doch nicht einen stillen Raum mit einem Bett, in dem ich ruhig schlafen kann, und einem Glas Wasser, das meinen Durst löscht.
So verließ ich eines sonnigen Wintertages die Stadt. Und letzte Nacht in meinem Traum baute ich ein Haus. Und in diesem Traum hatte ich noch einen Traum. In diesem weiteren Traum war ich wieder in der Stadt, die ich vor soooo langer Zeit verlassen hatte.
Zwei Herrscher hatten hier die Herrschaft übernommen: der mit der eisernen Faust und der mit dem honigsüßen Lächeln. Der eine mit der eisernen Faust blickte immer sehr grimmig, der andere mit dem honigsüßen Lächeln immer überaus freundlich. Eines wollten sie sich beide grapschen: den Besitz, die Arbeitskraft, die Freude, das Leben der Stadtbewohner. Mit roher Gewalt setzte der mit der eisernen Faust dieses Ansinnen durch. Seinen Untertanen sollte keine Luft zum Atmen bleiben, nur Schweiß und Leid. Ein bisschen Freude sollten sie nur dann haben, wenn er es ausdrücklich wünschte und sie lange darum gebettelt hatten.
Der mit dem honigsüßen Lächeln verurteilte dieses Vorgehen aufs Schärfste und wiederholte immer wieder, dass er lediglich seine Ruhe haben wolle und die Freude der Stadtbewohner.
Jeden Abend trafen sich der mit der eisernen Faust und der mit dem honigsüßen Lächeln, um sich die Beute des Tages zu teilen: den Schweiß und das Leid ihrer Untertanen stopften sie in ihre fetten Bäuche. Ich stelle am Ende des Traums fest, dass beide Herrscher Verbrecher sind und im Höllenfeuer verbrennen. Ich daraufhin wieder frei, verlasse die Stadt und träume einen weiteren Traum, in dem neue Träume vorkommen.
Und in jedem Traum ein neuer Traum!
— Aus: „Mensch Ärgere Dich Nicht" (2000)
Creative Commons Zero 1.0 (Public Domain Dedication).
Veröffentlicht am 2026-06-21 auf joelroerick.com/blog/2026/06/traum-im-traum