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28. Juli 2026
Wenn Liebe tanzt
Tu beAv erinnert daran, dass Liebe dort beginnt, wo Menschen sich ohne Status, Angst und Kategorien begegnen. Ein Plädoyer für Vielfalt, Mut und Hoffnung.
Tag der Liebe
Es gibt ein altes Fest, das fast vergessen wurde. Tu beAv, der fünfzehnte Tag im Monat Aw – der Tag der Liebe. Er galt einmal als einer der glücklichsten Tage des Jahres. Die jungen Menschen Jerusalems zogen weiße Kleider an und tanzten in den Weinbergen. Sie kamen, um zu tanzen, zu schauen, sich zu verlieben, sich zu trauen.
Weiß wie ein Anfang
Alle trugen Weiß. Alle.
Die Reichen und die Armen. Die Schüchternen und die Mutigen.
Weiß wie ein unbeschriebenes Blatt. Weiß wie ein Anfang, der noch alles sein kann.
In diesen weißen Kleidern passierte etwas Radikales: Für einen Moment zählte nicht, woher du kamst, was du hattest oder welchen Status du trugst. Es zählte nur, dass du da warst. In deinem Körper. Mit deiner ganzen Nervosität und Hoffnung.
Liebe in allen Facetten
Liebe sieht nicht immer gleich aus. Sie hat nie immer gleich ausgesehen.
Wer in die Weinberge geht, um zu tanzen – in welchem Körper auch immer, mit welcher Sehnsucht auch immer – tut das, was Menschen schon immer getan haben: sich öffnen. Sich zeigen. Hoffen, dass da jemand ist, der zurückschaut.
Queere Liebe ist keine Sonderform von Liebe. Sie ist Liebe.
Die gleiche Nervosität. Das gleiche Herzklopfen. Die gleiche Angst vor Zurückweisung. Die gleiche Freude, wenn jemand deine Hand nimmt.
Die weißen Kleider in den Weinbergen waren dazu da, Unterschiede abzulegen. Vielleicht ist es Zeit, das ernst zu nehmen – nicht nur bei Reichtum und Armut, sondern überall dort, wo wir Menschen in Kategorien sortieren.
Nach der Trauer, vor dem Mut
Tu beAv folgt unmittelbar auf Tischa beAw, den traurigsten Tag des jüdischen Jahres.
Als wollte die Tradition sagen: Gerade nach dem größten Verlust wenden wir uns wieder dem Leben zu. Der Verbindung. Der Möglichkeit, dass da jemand ist.
Das kennen wir doch. Wir alle kennen Zeiten, in denen wir dachten: Jetzt ist alles verloren.
Und irgendwann kam der Moment, an dem wir wieder aufgeschaut haben.
Für manche von uns war dieses Aufschauen doppelt schwer – weil die Welt uns beigebracht hat, dass unsere Art zu lieben falsch sei. Dass wir uns verstecken sollen. Dass in den Weinbergen kein Platz für uns ist.
Aber die Weinberge gehören allen.
Vielleicht war das schon immer ihre eigentliche Botschaft.
Die Einladung
Die Weinberge sind noch da.
In welcher Form auch immer du sie heute findest.
Das weiße Kleid wartet.
Und die Frage ist noch dieselbe:
Traust du dich, hinzuschauen?
Traust du dich, dich sehen zu lassen?
So wie du bist.
Mit wem auch immer dein Herz schlägt.
Liebe ist keine Ablenkung von dem, was wirklich zählt.
Liebe – in all ihrem Chaos, ihrer Körperlichkeit, ihrem Herzklopfen und ihrer wunderbaren Vielfalt – ist das, was wirklich zählt.
Tu beAv wusste das bereits vor Jahrtausenden.
Vielleicht wird es Zeit, dass wir uns daran erinnern.
Und so queer wie möglich weitertanzen. Weiterdenken. Weiterlieben.
Creative Commons Zero 1.0 (CC0 – Public Domain Dedication).