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17. August 2026
Bin ich Anarchist?
Ich werde immer wieder als Anarchist bezeichnet, weil ich wenig Verständnis für Autorität habe, die sich allein aus ihrer Position legitimiert. Zugleich halte…
Ich werde immer wieder als Anarchist bezeichnet, weil ich wenig Verständnis für Autorität habe, die sich allein aus ihrer Position legitimiert. Zugleich halte ich klare Vereinbarungen, Verbindlichkeit und notfalls auch harte Konsequenzen für unverzichtbar. Ist das ein Widerspruch? Nur, wenn man Augenhöhe mit Beliebigkeit und Konsequenz mit Bestrafung verwechselt.
Woher kommt das Etikett?
Das erste Mal geschah das in einer ungewöhnlichen Gemeinschaft. Wir lebten in Jurten und waren eine ausgesprochen heterogene Gruppe: Menschen zwischen 18 und über 80 Jahren, aus verschiedenen Ländern, mit sehr unterschiedlichen Berufen, Lebensentwürfen und finanziellen Möglichkeiten. Manche blieben wenige Wochen, andere mehrere Jahre.
Diese Gemeinschaft war zugleich Teil einer hierarchisch geführten Bildungsorganisation. Damit trafen zwei sehr verschiedene Kulturen aufeinander: eine wilde, selbstorganisierte Gemeinschaft und eine Organisation mit klaren Leitungsstrukturen.
Irgendwann stellte sich die Frage: Wie treffen wir eigentlich Entscheidungen?
Jemand brachte die Konsent-Entscheidungsfindung ein. Für mich war das damals neu. Und es veränderte innerhalb kurzer Zeit etwas Grundlegendes. Trotz unserer Unterschiede wurden wir entscheidungsfähig. Vorschläge mussten nicht von allen begeistert unterstützt werden. Entscheidend war, ob jemand einen schwerwiegenden Einwand hatte, der berücksichtigt werden musste.
Das setzte eine erstaunliche Energie frei. Wir erlebten: Wir können unser Zusammenleben gemeinsam gestalten.
Die übergeordnete Organisation reagierte darauf stark irritiert. Eine Person, die offenbar als Rädelsführerin wahrgenommen wurde, musste die Gemeinschaft verlassen. Die übrigen wurden zu Einzelgesprächen gebeten. In meinem Gespräch erklärte man mir schließlich:
„Du bist ein Anarchist.“
Was hat das mit mir gemacht?
Zunächst hat es mich irritiert. Ich verband Anarchismus damals mit Regellosigkeit und einer politischen Pose, bei der es vor allem darum geht, gegen etwas zu sein. Beim Weiterlesen stieß ich auf Emma Goldman, die Anarchismus nicht als Abwesenheit von Ordnung verstand, sondern als Frage danach, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren können, ohne sich einer nicht begründbaren Herrschaft zu unterwerfen.
Heute denke ich: Es ist ein Ehrentitel, so genannt zu werden. Aber Anarchist bin ich nicht wirklich. Ich erkenne mich eher in einer bestimmten Frage wieder:
Warum sollte eine Person allein deshalb recht haben, weil sie in einer Hierarchie weiter oben steht?
Ich habe kein Problem mit Rollen, Zuständigkeiten oder Leitungsverantwortung. Organisationen brauchen Struktur. Auch eine basisdemokratische Gemeinschaft braucht Verfahren, Moderation, dokumentierte Entscheidungen und Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Mein Problem beginnt dort, wo aus Verantwortung unangreifbare Autorität wird: weil eine Leitung nicht mehr begründen muss, was sie entscheidet. Weil Widerspruch als Illoyalität behandelt wird. Weil Regeln nur für diejenigen gelten, die weniger Macht haben. Oder weil formale Macht an die Stelle gemeinsamer Klärung tritt.
Regellosigkeit wäre darauf keine Antwort. Wo es keine sichtbaren Regeln gibt, verschwinden Machtverhältnisse nicht. Sie werden nur informell. Dann setzen sich häufig diejenigen durch, die lauter, besser vernetzt, sprachlich gewandter oder weniger abhängig sind.
Es geht mir nicht um weniger Struktur, sondern um legitime, transparente und überprüfbare Struktur.
Wie passen Augenhöhe und Konsequenz zusammen?
Augenhöhe bedeutet, dass Wahrnehmungen, Gründe und Einwände nicht allein aufgrund der Position einer Person entwertet werden. Wer Menschen ernst nimmt, muss ihnen reale Einflussmöglichkeiten geben. Wer Menschen ernst nimmt, darf zugleich erwarten, dass gemeinsam getroffene Vereinbarungen verbindlich sind.
Radikal auf Augenhöhe und zugleich konsequent — das ist keine Vermischung zweier Pole. Die beiden gehören zusammen.
Wie ich in Dialog als Praxis gemeinsamen Verstehens beschreibe, beginnt eine dialogische Entscheidung nicht mit dem Durchsetzen einer bereits feststehenden Lösung. Sie beginnt mit der Frage, ob die Beteiligten ein hinreichend gemeinsames Bild der Situation entwickeln konnten. Sie müssen nicht derselben Meinung sein. Aber sie sollten verstehen, worin ihre Unterschiede bestehen und was diese Unterschiede für eine Entscheidung bedeuten.
Was ist das Problem an „harter Autorität“?
Harte Autorität reagiert häufig nicht auf einen geklärten Sachverhalt, sondern auf eine Irritation:
Mir passt dein Verhalten nicht. Deshalb reiche ich eine Beschwerde gegen dich ein.
Mir passt dein Verhalten nicht. Deshalb erhältst du eine Abmahnung.
Mir passt dein Verhalten nicht. Deshalb drohe ich dir mit dem Ausschluss oder der Kündigung.
Eine solche Reaktion kann kurzfristig Stärke demonstrieren. Aber oft bleibt danach unklar, was genau geschehen ist, welche Vereinbarung verletzt wurde und welches Verhalten künftig erwartet wird. Manchmal folgt der maximalen Drohung anschließend gar nichts. Dann ist dennoch etwas beschädigt: Vertrauen wurde gebrochen, Macht demonstriert und die Glaubwürdigkeit der Leitung geschwächt.
Die Beteiligten lernen nicht, Konflikte zu klären. Sie lernen, sich abzusichern.
Das Gegenmodell kann aber nicht darin bestehen, alles endlos zu besprechen und am Ende nichts zu entscheiden.
Die dialogische Konsequenzenfolge
Meine Antwort darauf ist die dialogische Konsequenzenfolge. Sie verbindet frühe Rückmeldung, gemeinsames Verstehen, klare Vereinbarungen und eine transparente Eskalation. In der überarbeiteten Version 2.0 beginnt sie nicht mehr erst mit einer gebrochenen Regel. Sie beginnt früher: bei der Gestaltung des Miteinanders.
Das Gelingen stärken
Noch bevor ein Problem entsteht, werden Stärken und gelingende Schritte wahrgenommen. Hier kommen die Grünen Fragen ins Spiel. Das sind Fragen, die die Aufmerksamkeit auf das richten, was bereits funktioniert: Was läuft gut? Wovon könnte es mehr geben? Was hat geholfen? Sie schaffen die Grundlage dafür, dass auch kritische Rückmeldung später ankommt — weil die Beziehung nicht erst beim ersten Problem beginnt.
Vor jedem Feedback steht außerdem die Frage: Muss diese Irritation überhaupt angesprochen werden? Nicht jedes störende Verhalten braucht eine Bühne. Manchmal ist es wirksamer, das erwünschte Gegenstück zu stärken.
Ein Beispiel aus der Praxis
In einer Wohngruppe der Jugendhilfe kommt ein Jugendlicher seit Wochen nicht zum gemeinsamen Abendessen, obwohl das eine Gruppenvereinbarung ist.
Mit der dialogischen Konsequenzenfolge beginnt die Reaktion nicht bei der Regelverletzung. Sie beginnt vorher: Eine Fachkraft bemerkt, dass der Jugendliche letzte Woche zweimal freiwillig beim Kochen geholfen hat, und benennt das. „Das hat dem Essen gutgetan. Die anderen haben sich gefreut. Was hat dir geholfen, dabei zu sein?“ Das ist grüne Aufmerksamkeit in der Praxis — der Blick auf das, was gelingt.
Bleibt das Fernbleiben bestehen, folgt ein Gespräch. Nicht als Vorwurf, sondern als Klärung: Was ist los? Gibt es Gründe, die wir nicht sehen? Wie erlebt der Jugendliche das gemeinsame Essen? Vielleicht zeigt sich, dass die Vereinbarung unklar war — oder dass es gute Gründe gibt, sie anzupassen. Dann braucht es eine neue, gemeinsam getroffene Vereinbarung.
Wird die klare Vereinbarung danach wiederholt nicht eingehalten, folgen weitere Schritte: Das Gespräch wird formeller, der Kreis größer, die Konsequenzen konkreter und vorhersehbar. Aber kein Schritt kommt überraschend. Und kein Schritt überspringt die Klärung.
Klare Vereinbarungen statt impliziter Erwartungen
Manchmal zeigt sich im Gespräch, dass die vermeintlich verletzte Regel nie eindeutig vereinbart worden war. Vielleicht gab es nur Erwartungen, Gewohnheiten oder unterschiedliche Vorstellungen.
Dann braucht es einen Reset. Eine neue Vereinbarung wird verständlich formuliert, gemeinsam beschlossen und überprüfbar gemacht. Die Konsequenzenfolge beginnt für diese Vereinbarung von vorn. Niemand darf auf einer fortgeschrittenen Eskalationsstufe für eine Regel sanktioniert werden, die es vorher gar nicht gab.
Verbindlichkeit stufenweise herstellen
Wird eine klare Vereinbarung dennoch wiederholt nicht eingehalten, folgen weitere, vorhersehbare Klärungsschritte. Der Kreis kann größer, das Gespräch formeller und die Verantwortung eindeutiger werden.
Erst am Ende stehen formale Konsequenzen — eine Auflage, eine Abmahnung, eine Einschränkung der Zusammenarbeit oder deren Beendigung. Eine dialogische Methode schließt harte Konsequenzen nicht aus. Sie verändert den Weg dorthin.
Die Konsequenz kommt nicht überraschend. Sie ist nicht Ausdruck persönlicher Kränkung. Sie folgt auf einen nachvollziehbaren Prozess, in dem geklärt wurde: Was ist geschehen? Welche Perspektiven gibt es? Welche Vereinbarung gilt? Ist sie verständlich und umsetzbar? Welche Unterstützung wurde angeboten? Welche Folgen wurden transparent benannt?
Für akute Gefährdungslagen ist dieses schrittweise Verfahren nicht gedacht. Wo unmittelbarer Schutz notwendig ist, müssen Schutzkonzepte und rechtliche Verfahren greifen.
Ist das nicht zu weich?
Nein.
Weich wäre es, Spannungen aus Angst vor Konflikten zu ignorieren. Weich wäre es, immer neue Gespräche zu führen, ohne jemals eine verbindliche Vereinbarung zu treffen.
Die dialogische Konsequenzenfolge verlangt beides: früh klären und später konsequent handeln.
In beide Richtungen
Die dialogische Konsequenzenfolge ist keine Einbahnstraße. Auch Mitarbeitende, Adressat:innen oder Menschen mit weniger formaler Macht müssen Vereinbarungsverletzungen durch Leitungen und Fachkräfte ansprechen und eskalieren können.
In der Jugendhilfe heißt das zum Beispiel: Wenn eine Teamleitung wiederholt Absprachen aus Dienstbesprechungen ignoriert, brauchen Fachkräfte einen Weg, das verbindlich zu klären — nicht nur als Beschwerde, die in einer Schublade verschwindet. Umgekehrt müssen auch Jugendliche benennen können, wenn eine Fachkraft eine Verabredung nicht einhält. Dafür braucht es Verfahren, die so verständlich und zugänglich sind, dass sie nicht nur von denen genutzt werden können, die ohnehin sprachlich gewandt und selbstsicher sind.
Eine Konsequenzenfolge, die ausschließlich von oben nach unten wirkt, wäre keine dialogische Methode. Sie wäre eine Disziplinierungsordnung.
Bin ich nun Anarchist?
Ich lehne Regeln nicht ab. Ich möchte wissen, wie sie entstanden sind, wem sie dienen, ob sie verständlich sind und ob sie auch für diejenigen gelten, die Macht ausüben.
Ich lehne Konsequenzen nicht ab. Ich möchte, dass sie vorhersehbar, verhältnismäßig und in einen nachvollziehbaren Prozess eingebettet sind.
Ich lehne Leitung nicht ab. Ich lehne die Vorstellung ab, eine Leitungsposition ersetze Begründung, Dialog und Selbstbegrenzung.
Keine Regel ohne Begründung. Keine Konsequenz ohne vorherige Klarheit. Kein Dialog ohne reale Einflussmöglichkeit. Keine Augenhöhe ohne Verbindlichkeit.
Ob das anarchistisch ist, dürfen andere entscheiden.
Mir ist wichtiger, dass wir konsequent handeln können, ohne zu bestrafen.
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Veröffentlicht am 2026-08-17 auf joelroerick.com/blog/2026/08/bin-ich-anarchist