Porträt von Joel Roerick

Joel Roerick

27. August 2026

Die Tasse Kaffee

Eine gemeinsame Tasse Kaffee gilt als die große Innovation eines weltweit gefeierten Pflegemodells. In der Berliner Eingliederungshilfe ist sie längst Alltag. Heißt das, wir können von diesem Vorbild nichts lernen? Oder müssen wir vor allem aufpassen, dass die kommenden Reformen uns genau das nicht wieder wegnehmen – die Nähe, die wir längst haben?

Schwarz-weiße Zeichnung einer dampfenden Tasse Kaffee auf weißem Hintergrund.

Ein niederländisches Pflegeunternehmen wird weltweit dafür gefeiert, dass es die gemeinsame Tasse Kaffee mit den Menschen, die es begleitet, in den Mittelpunkt stellt. In der Berliner Eingliederungshilfe ist genau das seit Jahrzehnten Alltag. Was können wir also wirklich von diesem Vorbild lernen – und was sollten wir aufpassen, dabei nicht zu verlieren?

In meiner Arbeit im Betreuten Wohnen gehört die gemeinsame Tasse Kaffee zum Selbstverständlichsten, was es gibt. Man sitzt zusammen, redet über die Woche, über den Schlaf, über die Nachbarin im Stockwerk darüber. Daraus entsteht das, worauf alles Weitere aufbaut: Nähe, eine Vertrauensbasis, Sicherheit. Es ist keine Methode, die man neu erfinden müsste. Es ist die Grundlage des Berufs.

Umso bemerkenswerter finde ich, dass ausgerechnet diese Tasse Kaffee als die große Innovation eines Pflegemodells gilt, über das inzwischen Bücher, Studien und Vorträge gefüllt werden: Buurtzorg, ein Anbieter von Hauskrankenpflege aus den Niederlanden. Buurtzorg wird vor allem als Musterbeispiel selbstorganisierten Arbeitens gehandelt – kleine, weitgehend hierarchiefreie Teams, die ihre Arbeit selbst planen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Das eigentlich Neue war eine Rückbesinnung. Eine Zuwendung, die bei den Menschen ansetzt, bei ihren Ressourcen und ihrem Willen, eingebettet in ihr Umfeld und ihre Nachbarschaft.

Diese Rückbesinnung war nötig, weil die niederländische Hauskrankenpflege einen weiten Weg in die andere Richtung gegangen war. Aus unabhängigen Pflegekräften, die jeweils eine Nachbarschaft kannten und versorgten, wurden im Namen der Effizienz große, anonyme Organisationen: Normzeiten für jede Handlung, zentrale Planungsabteilungen statt eigener Entscheidungen, Barcodes an den Wohnungstüren, die zur Kontrolle gescannt werden mussten. Der Mensch, der gepflegt wurde, geriet dabei aus dem Blick. Er wurde, wie es in der Literatur heißt, zur Kundschaft, der man Produkte verkauft. Buurtzorg hat diesen Menschen wieder zum Menschen gemacht.

Und genau hier wird die Geschichte für die Eingliederungshilfe interessant – nicht nur als Vorbild, sondern als Spiegel. Denn vieles, was Buurtzorg sich mühsam zurückerobern musste, haben wir längst. Die individuelle Begleitung in der eigenen Wohnung, der Blick auf das ganze Leben statt auf eine Teilleistung, die Tasse Kaffee: All das ist seit der Enthospitalisierung in den 90er-Jahren in das Betreute Wohnen eingebaut. Wir stehen, anders als die niederländische Pflege damals, nicht am Ende eines Taylorisierungsprozesses. Wir stehen eher an seinem möglichen Anfang.

Das ist die Sorge, die mich bei dem Vergleich umtreibt. Mit der laufenden BTHG-Umsetzung kommen Anforderungen, die in eine bekannte Richtung weisen: standardisierte Dokumentation, ein komplexes Qualitätsmanagement, nachweisbare Quoten, neu gezogene Grenzen zwischen den Leistungsbereichen – und, schon früh angemahnt, die Gefahr verdeckter Kostensenkungen. Es ist nicht schwer, sich auszumalen, wohin das führen kann: dass auch bei uns aus Adressatinnen und Adressaten Kundschaft wird, der man Produkte verkauft, und dass kleinere Träger den Umbau nicht überstehen, während sich alles auf die großen konzentriert. Die niederländische Entwicklung am Ende des 20. Jahrhunderts lässt sich von hier aus als Warnung lesen.

Mein Fazit ist deshalb kein begeistertes „Lasst uns Buurtzorg kopieren“. Das Modell ist keine Wunderpille, und es wäre ein Missverständnis, es auf das Schlagwort Selbstorganisation zu verkürzen – dahinter steckt ein durchdachtes, strukturiertes Gerüst, ohne das die Freiheit der Teams gar nicht funktionieren würde. Wichtiger scheint mir die umgekehrte Bewegung: Bevor wir uns fragen, was wir uns von Buurtzorg holen, sollten wir uns bewusst machen, was wir schon haben – und es schützen. Die Tasse Kaffee gehört nicht wegrationalisiert. Sie gehört bewahrt.

Wie ich zu dieser Einschätzung komme, welche Rahmenbedingungen Buurtzorg überhaupt erst erfolgreich gemacht haben und welche Empfehlungen sich daraus für eine behutsame Übertragung ableiten lassen, habe ich ausführlicher in einem Grundlagentext aufgeschrieben:

Roerick, J. (2023). Übertragbarkeit des Buurtzorg-Modells auf das Betreute Wohnen [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo.


Autor: Joel Roerick

Creative Commons Zero 1.0 (Public Domain Dedication).