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6. September 2026
Ein gutes Leben — trotz allem
Ein gutes Leben muss nicht warten, bis die Krise vorbei ist. Warum Recovery mit dem kleinsten glaubhaften Satz beginnt, was ein Equalizer damit zu tun hat — und weshalb Resilienz keine Pflicht ist, unter ungerechten Bedingungen besser zu funktionieren. Zum neuen Working Paper CHIMEplus.
Diese Fragen beschäftigen mich in meiner Arbeit in der Gemeindepsychiatrie immer wieder: Was heißt ein gutes Leben an einem Tag, an dem schon das Aufstehen schwerfällt? Was bedeutet Wohlbefinden, wenn Stimmenhören, Angst oder Erschöpfung nicht verschwinden? Und wer darf eigentlich bestimmen, ob ein Leben gut ist?
Sie sind für mich keine bloßen Theoriefragen. Sie tauchen dort auf, wo ein großer Plan gerade zu viel wäre und es erst einmal darum geht, den Tag zu schaffen. Mit diesen Fragen beginnt deshalb auch mein neues Working Paper — und mit einer Haltung, die viel verändert, wenn wir sie ernst nehmen: Ein gutes Leben muss nicht warten, bis Symptome, Krisen oder schwierige Lebensbedingungen vorbei sind. Es kann mittendrin beginnen.
Das „trotz allem“ ist dabei kein Zusatz, sondern der Kern. Es bedeutet für mich zweierlei zugleich: das gute Leben nicht auf später zu verschieben — und ungerechte, veränderbare Bedingungen trotzdem nicht hinzunehmen.
Zwei Skalen, nicht eine
Die klinische Perspektive fragt nach Symptomen, Funktionsniveau und Risiken. Das ist notwendig und kann lebensrettend sein. Ich möchte ihr nichts wegnehmen. Aber sie beantwortet nicht die ganze Frage. Psychische Erkrankung und psychisches Wohlbefinden sind nicht die beiden Enden einer einzigen Skala: Eine Person kann erhebliche Symptome erleben und zugleich Verbundenheit, Sinn, Hoffnung oder Wirksamkeit erfahren. Umgekehrt garantiert Symptomfreiheit kein gutes Leben.
Recovery richtet den Blick genau dorthin. Nicht auf ein Endprodukt, sondern auf einen Weg — mit eigenem Tempo, mit Umwegen, mit Rückschlägen, die zum Verlauf gehören. Hoffnung beginnt dabei selten mit einem großen Ziel. Vielleicht lautet sie an manchen Tagen nicht „Alles wird gut“, sondern: „Morgen trinke ich wieder einen Kaffee am Fenster.“ Der kleinste glaubhafte Satz, der morgen noch gilt, kann mehr tragen als ein fremdes Versprechen. Das Unscheinbare trägt.
Wie ein Equalizer
Für das Working Paper habe ich ein Bild gewählt, das sich auch im Gespräch direkt nutzen lässt: CHIMEplus als Equalizer. Es hilft mir, nicht vorschnell auf eine einzige Stellschraube zu schauen. Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn und Handlungsmacht sind keine Checkliste, die abgearbeitet wird. Sie sind verschiedene Töne eines beweglichen Klangbildes. Nicht alle müssen gleich laut sein. Manchmal braucht Verbundenheit mehr Raum. Manchmal genügt bei der Hoffnung ein kleiner glaubhafter Ton.
Und manchmal — das ist für mich der entscheidende Punkt — muss gar nicht bei der Person etwas hochgeregelt werden. Sondern Anforderungen, Reize, professioneller Druck oder belastende Bedingungen müssen leiser werden. Fachkräfte stellen nicht den Menschen ein. Sie hören mit, fragen nach, spiegeln und helfen, Unterstützung und Umgebung anzupassen. Die Person bestimmt Richtung, Tempo und den für sie stimmigen Klang.
Kein Positivitätszwang
Dieser Gedanke ist mir besonders wichtig. Das „trotz allem“ soll auch vor einer Sonnenseitenlogik schützen, die aus einer positiven Perspektive neuen Leistungsdruck macht. Achtsamkeit ersetzt keine Gerechtigkeit. Optimismus schafft keinen Wohnraum. Wer keine Wohnung findet, braucht häufig nicht zuerst Empowerment, sondern bezahlbaren Wohnraum. Resilienz ist keine Pflicht, unter ungerechten Bedingungen besser zu funktionieren.
Für die Gemeindepsychiatrie folgt daraus ein doppelter Auftrag: Menschen darin unterstützen, Ressourcen, Beziehungen und eigene Wege zu entdecken — und zugleich Bedingungen verändern, die diese Wege versperren. Der erste Auftrag ohne den zweiten wird zur Individualisierung. Der zweite ohne den ersten verliert die konkrete Person aus dem Blick.
Ein gutes Leben leben — trotz allem: Das ist kein Versprechen, dass alles gut wird. Es ist die Weigerung, das gute Leben auf später zu verschieben. Und es ist die Verpflichtung, nicht nur Menschen widerstandsfähiger zu machen, sondern gemeinsam Bedingungen zu schaffen, unter denen weniger Widerstandskraft verlangt wird.