/blog – worüber ich gerade nachdenke
3. Februar 2026
Konsent in der Sozialen Arbeit – eine persönliche Einführung
Eine Methode, die mein Arbeiten verändert hat. Und der Weg dorthin. Dieser Text erzählt beides.
Wie funktioniert Konsent?
Konsent schreibt sich mit "t" am Ende. Konsent und nicht Konsens. Wie auch Konsens ist Konsent eine Methode der Entscheidungsfindung. Allerdings ist Konsent deutlich strukturierter als Konsens.
Das Prinzip: Wir diskutieren nicht wild drauf los. Wir drücken nicht unsere eigene Meinung durch. Wir benennen stattdessen ein Problem oder eine Spannung. Wir machen - darauf aufbauend - einen Vorschlag. Alle Beteiligten können daraufhin Bedenken äußern. Bedenken werden gemeinsam integriert. Das heißt: Der Vorschlag ist nachher besser als am Anfang. Jede:r trägt zur Verbesserung bei.
Das Ergebnis muss nicht perfekt sein. Es muss so gut sein, dass alle damit leben können.
Der Unterschied zu Konsens klingt klein, ist aber groß: Konsens fragt: Sind alle dafür? Konsent fragt: Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand?
Das verändert alles. Es geht nicht mehr darum, dass alle begeistert sind. Denn das ist meistens eine Illusion. Es geht darum, dass niemand sagt: So geht das nicht. Einwände werden nicht nur gehört – sie sind ausdrücklich erwünscht. Im Konsent ist es geradezu eine Pflicht, Bedenken zu äußern. Denn Einwände werden als Bereicherung verstanden: Sie machen Vorschläge besser, decken blinde Flecken auf, bringen neue Perspektiven ein. Das ist gelebte Dialog- und Fehlerkultur. Und wenn es am Ende keine schwerwiegenden Einwände gibt, legen wir mit der Umsetzung los.
Was aber, wenn ein Einwand sich nicht auflösen lässt? Dann gibt es verschiedene Wege: Der Vorschlag wird blockiert, das Thema vertagt, oder jemand tritt zur Seite. Aber: Nicht jeder Einwand blockiert automatisch. Und nicht jeder Vorschlag geht durch, nur weil kein Gegenargument kommt. Beides muss begründet sein – etwa mit Blick auf Gesetzeslage, fachliche Standards oder höher gewichtete Vereinbarungen. Es bleibt eine Grauzone. Am Ende gibt es manchmal Tränen. Konsent verringert die Zahl der Verlierer:innen drastisch. Aber es gibt sie – wie bei jeder Entscheidungsfindung. Der Unterschied: Der Weg zur Entscheidung ist so transparent, wie er kaum transparenter sein kann.
30 Jahre hierarchiefreie Gruppen
Seit mehr als 30 Jahren bewege ich mich in hierarchiefreien Gruppen - privat und beruflich. Das klingt nach einem Programm, aber es war keins. Es hat sich so ergeben.
Angefangen hat es in der kritischen Stadtentwicklungsszene in Berlin, in den Neunzigern. Da war klar: Alles läuft auf Konsens. Niemand entscheidet über andere. Jede Stimme zählt. Das klang gut, aber ich hatte immer ein Problem damit. Konsens führte zu endlosen Diskussionen. Und am Ende entstanden Schattenstrukturen – informelle Macht, die niemand benennen durfte.
Parallel arbeitete ich damals für ein international renommiertes kreatives Unternehmen, das in dieser Zeit stark wuchs. Ein Ort unglaublicher Energie. Praktisch ohne formelle Hierarchien, alles auf verdecktem Konsens. Aber auch hier: Langfristig ging das zurück in hierarchische Strukturen – weil es organisatorisch notwendig schien, um gut zu arbeiten.
Ich habe später knapp ein Jahr in Auroville gelebt, dieser internationalen Gemeinschaft in Südindien, die laut ihrer Charta „der gesamten Menschheit gehört". Tausende Mitglieder, die alles im Konsens entscheiden wollen. Ich bin tief eingestiegen – und habe die Schattenstrukturen analysiert: wer wirklich was zu sagen hat. Es war kompliziert. Sehr kompliziert.
Erste Versuche
Irgendwann lernte ich Konsent kennen. Nicht Konsens – Konsent.
Ich erlebte das zum ersten Mal in einer wilden und bunten intentionalen Gemeinschaft in Israel, in der ich lebte. Eine Gruppe, die extrem altersdivers war, extrem interessensdivers, mit völlig unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen. Mit Konsens wären wir nie zusammengekommen. Mit Konsent funktionierte es.
Doch Konsent funktioniert nicht automatisch. In Mailand habe ich erlebt, was passiert, wenn die Grundlage fehlt: Ich war Teil eines Projekts für solidarische Landwirtschaft, bei dem zwei von uns Konsent wollten – und die anderen nur zustimmten, weil sie dachten, sie könnten dadurch Kontrolle behalten. Das Projekt ist spektakulär gescheitert. Die Gruppe zerbrach.
Was also braucht Konsent, damit es läuft? Eine echte Grundvereinbarung: Wir wollen das, weil wir es wirklich wollen – nicht, um damit etwas anderes zu bezwecken. Keine versteckten Agenden, sondern offene Karten. Und Übung. Konsent ist Handwerkszeug, das gelernt werden will. Das ist kein Schalter, den man umlegt – es ist ein Prozess, der Jahre dauern kann.
Das Prinzip ist uralt
Rückblickend erkenne ich: Das Prinzip ist uralt.
In meinem Studium angewandter jüdischer Sozialethik in Jerusalem vertiefte ich, was ich aus dem Talmud-Studium bereits kannte: חברותא Chavruta – zu zweit lernen, im Streitgespräch, auf Augenhöhe. מחלוקת Machloket – wohlwollendes Streiten, um sich gegenseitig zu verbessern. Ganz genau wie die gemeinsame Arbeit an Spannungen und Vorschlägen im Konsent-Prozess, um am Ende gemeinsam auf ein besseres Ergebnis hinzuarbeiten als eine Person alleine es geschafft hätte. Dazu gehören auch Reibungen, wohlwollendes Streiten.
Machloket bedeutet wörtlich „Auseinanderlegung". Kein destruktiver Streit, sondern eine produktive Form der Wahrheitsfindung. Wahrheit zeigt sich im begründeten Gegenüber unterschiedlicher Positionen. Beide Meinungen können gültig sein – und trotzdem wird am Ende praktisch entschieden. Pluralität bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Verbindlichkeit. Im Konsent-Prozess heißt das auch, dass es durchaus mehrere richtige Lösungen für ein Problem geben kann. Es geht – wie in der Machloket – nicht darum, herauszufinden, welche Lösung „richtiger" ist, sondern einen möglichen und gangbaren Weg umzusetzen und gemeinsam zu verbessern.
Chavruta und Machloket, die Prinzipien wohlwollenden Streitens auf Augenhöhe, reichen bis in die biblischen Texte zurück: Widerspruch, Einwand, Dialog auf Augenhöhe – egal wo man hinschaut. Schon der Turmbau zu Babel erzählt – zumindest in jüdischer Auslegung – nicht von Sprachverwirrung, sondern davon, dass es keine eine Sprache geben soll, keine Deutungshoheit – sondern Vielstimmigkeit. Etwas Uraltes, Allgemeingültiges. Im Kern ist das Konsent. Konsent ist völlig eigenständig entstanden. Aber vielleicht greifen beide auf dasselbe Prinzip zurück: Einwände sind kein Angriff, sondern Beitrag. Widerspruch ist kein Problem, sondern Methode. Und am Ende steht eine pragmatische Entscheidung, die meistens alle mittragen können.
Konsent in der Sozialen Arbeit
Mein Weg in die Soziale Arbeit führte über verschiedene Stationen: Ausbildung gefährdeter junger Erwachsener, Soziale Landwirtschaft, therapeutische Gärtnerei. Heute arbeite ich im intensiv betreuten Wohnen in der Bezugsbegleitung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen. Dabei setze ich im Berufsalltag bewusst auf Konsent als Haltung und Entscheidungsmethode.
Als ich 2016 die Leitung einer therapeutischen Gärtnerei übernahm, wurde mir schnell klar: Die Gärtnerei war zur Auffangstation für alle geworden, die anderswo nicht mehr tragbar waren. Menschen mit Lernbehinderungen und psychiatrischen Diagnosen, die wegen extremer Verhaltensauffälligkeiten aus anderen Einrichtungen geflogen waren. Sogenannte Systemsprenger:innen. Über drei Jahre habe ich dort Konsent konsequent implementiert.
J. zum Beispiel. Er hatte immer für sich alleine gearbeitet, war innerhalb der Organisation über Jahrzehnte gewissermaßen „freiberuflich" unterwegs, mit unverbindlichen Arbeitsaufträgen hier und da. Aber in Werkstätten mit anderen Menschen? Das wollte er vehement nicht. Konflikte mit der Leitung. Gewaltsame Auseinandersetzungen mit Kolleg:innen. Er galt als nicht integrierbar. Dann kam er auf seinen eigenen Wunsch hin in unsere Gärtnerei, in der jede Arbeitsanweisung ein Vorschlag war. Und es lief von Anfang an. Mit vollem Konsent. Nach ein, zwei Jahren sagte er zu einem meiner Vorschläge – mit seinem breiten britischen Akzent, jedes Wort klar prononciert: „I don't have any concerns."
Concerns – Bedenken/Einwände. Ein Kernbegriff im Konsent: Wer Einwände hat, benennt sie. Wer keine hat, gibt den Weg frei. J. hatte dieses Wort bislang nie benutzt – es lag völlig außerhalb seines üblichen Wortschatzes. Aber er wusste genau, was er sagte. Trotz seiner Lernbehinderung hatte er das Prinzip verstanden: Wenn ich Bedenken habe, kann ich sie nennen und wir handeln eine Lösung aus. Wenn nicht, machen wir weiter.
Das war der Moment, in dem ich wusste: Das funktioniert. Insbesondere mit Menschen, die als schwierig gelten. Radikal auf Augenhöhe.
Methode und Haltung
Konsent ist für mich mehr als eine Methode – es ist eine Grundhaltung. Eine Philosophie, wenn man so will.
Konsent ist eine Methode. Fünf Schritte, die man in fünf Minuten erklären kann: Spannung benennen. Vorschlag machen. Verständnisfragen klären. Reaktionen hören. Einwände integrieren.
Aber vor allem ist Konsent eine Haltung. Eine Art, mit Menschen zu sein. Auf Augenhöhe. Mit echtem Interesse an ihren Einwänden. Mit dem Vertrauen, dass wir gemeinsam zu besseren Lösungen kommen.
Beides bei mir zu vertiefen und an andere weiterzugeben – Methode und Haltung – daran arbeite ich.
2020 habe ich im Rahmen eines ICF-Projekts dreier großer freier Träger der Eingliederungshilfe in Berlin die Konsent-Methode als „Auf Augenhöhe entscheiden" eingebracht. Aus der Überzeugung, dass Arbeit auf Augenhöhe möglich ist – und aus der Erfahrung, dass sie alles andere als einfach ist. Auf Augenhöhe zu arbeiten ist ein Ideal – und ein Lernprozess. Auch für mich. Genau deshalb habe ich 2024 konsent.berlin gegründet: um Lernräume zu schaffen, in denen wir das gemeinsam üben können. Im Rahmen von konsent.berlin bin ich freiberuflich als Trainer für achtsame dialogische Praxis und einen akzeptierenden, ressourcenorientierten Umgang mit Krisen und herausforderndem Verhalten aktiv.
Dieser Text ist der Auftakt zu einer losen Reihe. In den kommenden Monaten werde ich hier immer wieder über Konsent in der Sozialen Arbeit schreiben – aus verschiedenen Perspektiven, mit verschiedenen Schwerpunkten. Es sind keine Kapitel, die man der Reihe nach liest. Es sind Spotlights. Einblicke. Jeder Text für sich.
Ich lade ein, mitzulesen. Mitzudenken. Und vielleicht: Es einfach mal auszuprobieren.
Einen weiteren Artikel von mir zu Konsent-Entscheidungsfindung in der Sozialen Arbeit findest Du bei Zenodo: doi.org/10.5281/zenodo.20374371
Autor: Joel Roerick
Creative Commons Zero 1.0 (Public Domain Dedication).
Veröffentlicht am 2026-02-03 auf joelroerick.com/blog/2026/02/konsent-in-der-sozialen-arbeit
Geändert am 2026-05-25