Porträt von Joel Roerick

Joel Roerick

29. März 2026

Seligman, Dankbarkeit und der Missbrauch einer Theorie


„Dieses Kapitel wäre nicht vollständig, wenn ich nicht meinen tiefsten Gefühlen über die Arbeit mit der Armee Ausdruck gäbe. Ich betrachte die Vereinigten Staaten als das Land, das meinen Großeltern, die in Europa durch Verfolgung in Lebensgefahr gerieten, einen sicheren Hafen geboten hat, in dem ihre Kinder und Enkel aufblühen konnten. Und ich betrachte die US-Armee als die Macht, die zwischen mir und den Gaskammern der Nazis stand. Deshalb zähle ich meine Tage mit den Feldwebeln und den Generälen zu den erfüllendsten und am stärksten von Dankbarkeit durchdrungenen Tagen meines Lebens. Meine gesamte Arbeit mit der Umfassenden Fitness für Soldaten leiste ich ohne Bezahlung. Wenn ich mit ihnen zusammensitze, muss ich an den folgenden Bibelvers (Jesaja 6.8) denken: Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!”

— Martin E. P. Seligman, Flourish — Wie Menschen aufblühen (Übersetzung: Stephan Schuhmacher)


Dieses Zitat ist der Schlüssel. Nicht weil es alles erklärt. Sondern weil es eine Haltung offenlegt, die man ernst nehmen muss, bevor man sie beurteilt.

Ein jüdischer Psychologe, der weiß, dass seine Großeltern vor europäischer Verfolgung geflohen sind. Der die Armee, die das Nazi-Regime besiegte, als die Macht begreift, die zwischen ihm und den Gaskammern stand. Der daraus eine Pflicht ableitet — nicht Geld, nicht Karriere, sondern Dankbarkeit. Und der sich dafür Jesaja als Referenz nimmt: Hier bin ich, sende mich.

Wer jüdisch sozialisiert ist, erkennt darin etwas Vertrautes. Die Grundidee, dass Dankbarkeit nicht passiv bleibt, sondern zur Handlung verpflichtet. Dass man der Gemeinschaft etwas zurückgibt, die einen geschützt hat. Dass man sich in den Dienst stellt — nicht aus Gehorsam, sondern aus Überzeugung.

Und wer demokratisch denkt, erkennt darin etwas ebenso Vertrautes: Die Idee, dass eine demokratische Armee, die Menschen vor Vernichtung schützt, Unterstützung verdient. Dass es legitim ist, die psychische Gesundheit von Soldat:innen zu stärken, die im Auftrag einer Demokratie dienen.

Das ist der Ausgangspunkt. Von hier aus lässt sich die Geschichte erzählen — einschließlich dessen, was schiefgegangen ist.


Wer ist Seligman?

Martin Seligman zählt zu den einflussreichsten Psychologen der Gegenwart. In den 1960er- und 1970er-Jahren erforschte er die erlernte Hilflosigkeit (learned helplessness): Wer wiederholt unkontrollierbare negative Erfahrungen macht, hört irgendwann auf, nach Auswegen zu suchen — selbst wenn sie da sind. Diese Theorie wurde zu einem der wichtigsten Erklärungsmodelle für Depression.

Ende der 1990er-Jahre wandte Seligman sich dem Gegenpol zu: Wie gelingt Leben? Wie entsteht Wohlbefinden? Gemeinsam mit Mihaly Csikszentmihalyi etablierte er die Positive Psychologie als wissenschaftliche Disziplin. Im Januar 2000 erschien ihr programmatischer Aufsatz „Positive Psychology: An Introduction” in der Zeitschrift American Psychologist — das Gründungsdokument einer Bewegung, die Forschung, Lehre und öffentliche Debatten nachhaltig verändert hat.

Seligman entwickelte das PERMA-Modell des Wohlbefindens: Positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Bedeutung, Leistung. Seine Bücher — Authentic Happiness, Flourish, The Hope Circuit — machten diese Konzepte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Über 30 Bücher, mehr als 350 wissenschaftliche Artikel, Hunderttausende Online-Kursteilnehmer:innen weltweit.

Dabei ist Seligman nicht der „Erfinder” des Begriffs Positive Psychologie — Abraham Maslow verwendete ihn bereits in den 1950er-Jahren. Seligman ist derjenige, der das Konzept als evidenzbasierte wissenschaftliche Disziplin institutionell verankert und weltweit populär gemacht hat.


Comprehensive Soldier Fitness: Psychische Gesundheit für Soldat:innen

Ab 2008 brachte Seligman seine Forschung in die Zusammenarbeit mit dem US-Militär ein. Das Comprehensive Soldier Fitness (CSF)-Programm hatte ein klares Ziel: die psychische Widerstandsfähigkeit von Soldat:innen stärken — in einer Zeit, in der steigende Suizidraten und eine alarmierende Häufigkeit posttraumatischer Belastungsstörungen unter US-Soldat:innen ein ernstes Problem darstellten.

Das Programm basierte auf Seligmans Wohlbefindensforschung und umfasste eine psychische Fitness-Bewertung, individuelles Training und die Ausbildung von Master Resilience Trainern. Über eine Million Soldat:innen wurden einbezogen.

Man kann über Einzelheiten des Programms diskutieren — über Fragen der Umsetzung, der Freiwilligkeit, der Evaluation. Kritiker:innen wie Roy Eidelson und Stephen Soldz haben berechtigte methodische und forschungsethische Fragen gestellt, etwa zur fehlenden unabhängigen Prüfung durch ein Institutional Review Board oder zur verpflichtenden Teilnahme der Soldat:innen. Das sind wichtige Diskussionen.

Aber die Grundidee ist nicht das Problem. Die Grundidee ist: Soldat:innen, die im Auftrag einer Demokratie dienen und dabei enormen Belastungen ausgesetzt sind, psychologisch zu unterstützen. Das ist kein ethischer Makel — das ist eine Verpflichtung.

Seligman leistete diese Arbeit unentgeltlich. Er tat es — wie das Zitat zeigt — aus Dankbarkeit und aus Überzeugung. Das mag man für naiv halten, für idealistisch, für politisch unkritisch. Aber es ist eine nachvollziehbare Position.


Der Missbrauch: Erlernte Hilflosigkeit als Folterinstrument

Und dann gibt es die andere Seite der Geschichte. Den Missbrauch.

Die CIA-Psychologen James Mitchell und Bruce Jessen — beide ehemalige Instruktoren im SERE-Programm (Survival, Evasion, Resistance, Escape) — entwickelten ab 2002 das sogenannte „Enhanced Interrogation”-Programm der CIA. Ihre Firma erhielt dafür Verträge im Umfang von 81 Millionen US-Dollar.

Mitchell und Jessen nahmen Seligmans Konzept der erlernten Hilflosigkeit und kehrten es um. Was als Erklärungsmodell für Depression gedacht war — als Theorie darüber, wie Menschen in einen Zustand der Hilflosigkeit geraten und wie man ihnen daraus helfen kann — wurde zum Werkzeug, um genau diesen Zustand absichtlich herzustellen. Bei Gefangenen. Durch Waterboarding, Schlafentzug, sensorische Deprivation, Stresspositionen. International als Folter eingestuft.

Das ist kein Graubereich. Das ist Missbrauch einer wissenschaftlichen Theorie. Seligman hat die erlernte Hilflosigkeit erforscht, um sie zu überwinden. Mitchell und Jessen haben sie instrumentalisiert, um sie gezielt zu erzeugen. Das ist der exakte Gegenentwurf zu dem, wofür Seligman sein ganzes Berufsleben gearbeitet hat.

Was über Seligmans Kontakte dokumentiert ist

Der Hoffman-Report (2015) und weitere Quellen dokumentieren, dass Seligman Ende 2001 und Anfang 2002 Kontakte mit CIA-Personal hatte — Treffen an seinem Wohnsitz mit Kirk Hubbard und James Mitchell, bei denen erlernte Hilflosigkeit diskutiert wurde. Im Mai 2002 hielt er einen dreistündigen Vortrag über erlernte Hilflosigkeit an der Navy SERE School in San Diego. Mitchell und Jessen waren im Publikum.

Seligman sagt: Bei all diesen Kontakten ging es ausschließlich darum, wie amerikanische Soldat:innen Folter widerstehen können. Verhöre von Gefangenen seien nie thematisiert worden.

Der Hoffman-Report stützt diese Darstellung im Wesentlichen. Er stellt fest, dass Mitchell und Hubbard angeben, mit Seligman nie über Verhöre gesprochen zu haben. Der Report kommt zu dem Schluss, dass nicht genügend Informationen vorliegen, um zu beurteilen, was Seligman zum damaligen Zeitpunkt wusste — und dass keine Hinweise auf eine Verbindung zu den Entscheidungen der APA-Führung gefunden wurden.

Seligman bezeichnet Folter als „abscheulich”. Er hat sich öffentlich wiederholt und vehement davon distanziert. Sein gesamtes Lebenswerk ist auf die Überwindung von Hilflosigkeit ausgerichtet — nicht auf ihre Erzeugung.


Das systemische Versagen

Die eigentliche Frage ist nicht: Hat Seligman Foltertechniken entwickelt? Nein, das hat er nicht.

Die eigentliche Frage ist: Wie konnte das System — die CIA, die APA, die politische Struktur der USA nach dem 11. September — es zulassen, dass eine auf Heilung ausgerichtete Theorie in ein Folterinstrument verwandelt wurde?

Der Hoffman-Report (2015) dokumentiert genau dieses Versagen. Die APA-Führung — Seligmans eigener Berufsverband — hat über Jahre hinweg ethische Standards aufgeweicht, um die Beteiligung von Psycholog:innen an Verhörprogrammen zu ermöglichen. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung durch die Kanzlei Sidley Austin, die über 50.000 Dokumente auswertete und mehr als 200 Interviews führte.

Mitchell und Jessen waren keine Forscher, die im Rahmen des CIA-Programms neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewannen. Sie waren Auftragnehmer. Was der Senatsbericht des Senate Select Committee on Intelligence (2014) im Detail dokumentiert:

Mitchell und Jessen hatten keine Erfahrung als Vernehmer. Sie verfügten weder über Fachkenntnisse zu al-Qaida noch über einen Hintergrund in der Terrorismusbekämpfung oder relevante kulturelle oder sprachliche Expertise. Was sie hatten, war Erfahrung als Instruktoren im SERE-Programm — einem Trainingsprogramm, das amerikanische Soldat:innen darauf vorbereiten sollte, feindlichen Verhören standzuhalten.

Ihre Idee: dieses Widerstandstraining umkehren. Was als Schutz vor Folter entwickelt worden war, in ein Werkzeug für Zwangsverhöre verwandeln. Als theoretischen Bezugsrahmen dafür nutzten sie das Konzept der erlernten Hilflosigkeit — die gezielte Erzeugung eines Zustands der Passivität und des Kontrollverlusts bei Gefangenen, um Kooperation zu erzwingen.

Dabei war die Verantwortung nicht nur ihre. Der Senatsbericht hält fest, dass Mitchell und Jessen eine aktive Rolle dabei spielten, die CIA zur Übernahme dieser Methoden zu bewegen. Aber die CIA suchte nach dem 11. September 2001 selbst nach harten Mitteln. Die politische Führung, die juristische Absicherung durch das Office of Legal Counsel, die institutionelle Struktur der CIA — all das schuf den Rahmen, in dem diese Methoden möglich wurden. Mitchell und Jessen waren Akteure in einem System, das nach Werkzeugen suchte.

Was folgte, dokumentiert der Senatsbericht nüchtern: Mitchell und Jessen entwickelten die Liste der sogenannten „Enhanced Interrogation Techniques”, führten Verhöre mit Gefangenen persönlich durch und beurteilten gleichzeitig den psychischen Zustand derselben Gefangenen — ein Interessenkonflikt, den CIA-Personal selbst intern kritisierte. Ein CIA-Psychologe schrieb, kein Fachmann würde ihre Einschätzungen ernst nehmen. Der CIA-Direktor für Verhöre nannte ihr Programm ein „Wrack”.

Ihre Firma erhielt bis zur Vertragsbeendigung 2009 rund 81 Millionen US-Dollar — bei einem Gesamtvertragswert von über 180 Millionen US-Dollar. Die CIA gewährte ihnen zudem eine mehrjährige Freistellungsvereinbarung zum Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung.

2017 einigten sich Mitchell und Jessen in der Klage Salim v. Mitchell — eingereicht von der ACLU im Namen von drei Opfern ihres Programms, darunter die Familie von Gul Rahman, der in einem geheimen CIA-Gefängnis an Unterkühlung starb — auf einen Vergleich.

Der Kern ist: Zwischen Seligmans Forschung zur erlernten Hilflosigkeit und dem, was Mitchell und Jessen daraus machten, liegt kein gleitender Übergang, sondern ein normativer und methodischer Bruch. Seligman erforschte die erlernte Hilflosigkeit, um sie zu überwinden — um zu verstehen, wie Menschen aus Passivität und Depression herausfinden. Mitchell und Jessen pervertierten dieses Konzept in eine operative Logik für Zwangsverhöre. Das ist keine legitime Anwendung. Das ist eine institutionell gedeckte Missbrauchshandlung.

Das System hat versagt: auf institutioneller Ebene, auf ethischer Ebene, auf politischer Ebene. Dieses Versagen Seligman persönlich zuzuschreiben, greift zu kurz. Man kann fragen, ob er naiv war. Ob er 2002 hätte misstrauischer sein müssen, als CIA-Personal ihn über erlernte Hilflosigkeit befragte. Das sind berechtigte Fragen. Aber es sind Fragen an das Urteilsvermögen eines Einzelnen — nicht an seine Absichten.


Was bleibt — auch für uns

Warum schreibe ich darüber? Weil diese Geschichte eine grundsätzliche Spannung sichtbar macht, die auch uns in der psychosozialen Arbeit betrifft.

Wir arbeiten mit Konzepten, die wir nicht vollständig kontrollieren. Wir entwickeln Werkzeuge — Modelle, Frameworks, Methoden —, die in Kontexte eingebettet werden, die wir nicht bestimmen. Der Recovery-Ansatz, Empowerment, Resilienz — all das kann zum Guten eingesetzt werden und all das kann instrumentalisiert werden.

Seligmans Geschichte zeigt, dass gute Absichten und gute Wissenschaft nicht ausreichen, um Missbrauch zu verhindern. Es braucht institutionelle Sicherungen. Es braucht ethische Wachsamkeit. Und es braucht die Bereitschaft, unbequeme Fragen zu stellen — auch dann, wenn man aus Dankbarkeit und Überzeugung handelt.

Seligman hat sein Lebenswerk darauf ausgerichtet, Menschen aus der Hilflosigkeit zu führen. Dass ausgerechnet dieses Lebenswerk missbraucht wurde, um Hilflosigkeit gezielt herzustellen — das ist die Tragik dieser Geschichte. Nicht Seligmans Schuld. Sondern das Versagen eines Systems, das seine eigenen demokratischen Werte verraten hat.

Die Frage, die bleibt, ist nicht: War Seligman schuldig? Sondern: Wie bauen wir Systeme, die den Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse verhindern?

Für mich gehört das zum Kern professioneller Haltung: Nicht nur fragen, ob etwas funktioniert — sondern auch, wer darüber entscheidet, wie es eingesetzt wird. Und ob die institutionellen Strukturen stark genug sind, um Missbrauch zu verhindern.


Quellen


Autor: Joel Roerick

Hinweis: Dieser Text basiert auf einer Vorlage, die mit Mistral Recherche erstellt und mit ChatGPT 5.4 kritisch geprüft wurde. Die vorliegende Fassung wurde auf Grundlage unabhängiger Quellenprüfung mit Claude Opus 4.6 überarbeitet.

Lizenz: CC BY-NC 4.0


Veröffentlicht am 2026-03-29 auf joelroerick.com/blog/2026/03/positive-psychologie-und-die-armee

Geändert am 2026-03-31