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1. März 2026
Von Schuschan nach Teheran
Vor 2.500 Jahren: Schuschan, die Hauptstadt des Persischen Reichs. Heute: Teheran, die Hauptstadt der Islamischen Republik Iran. Dazwischen: dieselbe Frage. Darf Verschiedenheit bestehen – oder wird sie vernichtet?
In Schuschan plant ein Mann die Auslöschung der persischen Jüdinnen und Juden – weil sie anders sind als die Mehrheitsbevölkerung. Eine Frau verhindert es. Nicht durch ein Wunder. Sondern durch politisches Handeln. Ihr Name ist Esther, sie ist Jüdin und in die persische Mehrheitsgesellschaft integriert. Ihre Geschichte steht in der Megillat Esther, dem Buch Esther. Am 14. Adar – in diesem Jahr am Abend des 2. März – wird sie in Synagogen weltweit laut vorgelesen: mit Lärm, Verkleidung und einer Ausgelassenheit, die in der jüdischen Tradition sonst selten ist. Das Fest heißt Purim.
Aber Purim ist mehr als eine laute Party. Wer genau liest, findet eine politische Erzählung, die bis heute reicht – bis Teheran und weit darüber hinaus. Überall dort, wo Staaten Uniformität erzwingen, steht Pluralität auf dem Spiel. Die Megillah erzählt davon. Und die Gegenwart auch.
Was auf dem Spiel steht
Esther rettet nicht einfach ihr Volk. Sie rettet etwas Größeres: die Möglichkeit, dass Menschen verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen im selben Reich existieren können.
Das Persische Reich jener Zeit ist keine Monokultur. Esther bewegt sich darin als Jüdin und als Königin – zwei Loyalitäten, die sich reiben. Und zugleich ein Potenzial für gesellschaftliche Veränderung in sich tragen.
Haman, der Widersacher Esthers, will nicht nur das jüdische Volk vernichten. Es will das Prinzip vernichten, dass Verschiedenheit nebeneinander bestehen darf. Die Megillah macht das explizit: Haman beschreibt dem König ein Volk, zerstreut und abgesondert unter den Völkern, dessen Gesetze verschieden sind von denen jedes anderen Volkes – und die Gesetze des Königs befolgen sie nicht (Esther 3,8). Was ihn stört, ist nicht das Judentum als Religion. Es ist die Differenz selbst. Die Existenz von Menschen, die andere Gesetze haben und trotzdem Teil des Ganzen sind. Und der rhetorische Trick: Differenz wird zur Illoyalität umgedeutet. Haman will Uniformität. Ein Reich, eine Ordnung, kein Raum für Abweichung.
Was Esther rettet, ist genau das Gegenteil: das Recht auf Anderssein. Und die Art, wie sie es rettet, ist bemerkenswert. G“tt kommt im Buch Esther nicht vor – kein Wunder, kein Eingreifen von oben. Was stattdessen geschieht, ist politisches Handeln unter Risiko. Esther verhandelt, kalkuliert, setzt wagemutig ihren Körper und ihre Position ein. Pluralität wird hier nicht garantiert. Sie wird erkämpft.
Wozu Revolution?
Purim feiert eine Revolution. Wer vernichtet werden sollte, überlebt. Wer vernichten wollte, fällt. Die Struktur ist revolutionär im wörtlichen Sinn: ein vollständiger Umsturz der Machtverhältnisse.
Aber die Pointe der Megillah ist, dass ein Umsturz nicht das Ziel ist. Haman fällt – gut. Doch was danach zählt, ist nicht der Sturz. Sondern dass danach ein Raum existiert, in dem Verschiedenheit weiter möglich ist. Die Juden im Persischen Reich werden nicht zu Herrschern. Sie werden nicht zur Mehrheit. Sie können bleiben – als das, was sie sind.
Die Megillah erzählt keine Machtübernahme. Sie erzählt die Rettung eines Prinzips. Revolution ist nicht Selbstzweck. Sie ist das Mittel – die notwendige Revolution, damit Pluralität wieder möglich wird.
Damals, heute und überall
Dieses Persien gibt es noch. Als Islamische Republik Iran. Ein Vielvölkerstaat, in dem rund 75 Sprachen gesprochen werden und fast die Hälfte der Bevölkerung einer nicht-persischen Ethnie angehört: Aserbaidschaner, Kurden, Araber, Belutschen, Luren, Turkmenen, Gilaker, Mazandaraner. Wo Schiiten, Sunniten, Bahá’í, Christen, Zoroastrier, Juden, Sufis, Yarsani und Mandäer leben. Wo einige Tausend Jüdinnen und Juden politisch unsichtbar gehalten werden, zur öffentlichen Loyalität verpflichtet, offiziell von Israel getrennt – aber eben nicht allein in ihrer Gefährdung. Die Pluralität, die Haman vernichten wollte, existiert heute noch. In Dutzenden Sprachen, Religionen und Lebensformen. Unter Druck, reguliert, eingeschränkt – aber sie wartet. Und sie wartet auch hier auf eine Revolution. Auf einen Sturz des brutalen Mulllah-Regimes.
Doch worum geht es dabei? Geht es um einen Umsturz, in dem ein neuer Herrscher die Macht ergreift? Donja Hodaie brachte es am 18. Februar im Bajszel auf den Punkt, im Salon Sassy Susy: Es sollte nicht darum gehen, wer im Iran an der Macht ist. Herrscher können fallen. Es sollte vielmehr um Werte gehen. Denn: Was trägt, sind Werte: Pluralität. Demokratie.
Dieser Gedanke könnte direkt aus der Megillah kommen. Revolution ist kein Selbstzweck. Sie ist nur so viel wert wie die Werte, die danach gelten. Und die Megillah sagt, 2.500 Jahre vor jeder modernen Demokratietheorie: Der Wert, der gelten muss, ist das Recht auf Verschiedenheit.
Purim erinnert daran. Nicht als nostalgische Erzählung, sondern als politische These: Dass Pluralität kein Zugeständnis ist, sondern ein Menschenrecht. Und dass sie immer wieder neu erkämpft werden muss – mit Körper und Kalkül, ohne Garantie von oben.
Pluralität unter Druck
Was die Megillah vor 2.500 Jahren erzählt – dass Verschiedenheit jederzeit zur Bedrohung umgedeutet werden kann –, diskutiert Donja Hodaie in verschiedenen Texten zu der Situation in der heutigen Islamischen Republik Iran:
Über jüdisches Leben zwischen formaler Anerkennung und erzwungener Unsichtbarkeit. → Hodaie, D. (o.J.). Das Judentum in der Islamischen Republik Iran. EDA Magazin. https://edamagazin.de/das-judentum-in-der-islamischen-republik-iran/
Warum Kurden der iranischen Opposition misstrauen – und was „ethnische Pluralität” im Zentralstaat bedeutet. → Hodaie, D. (2026, 12. Februar). Misstrauen und Widerstand: Warum Kurden im Iran Teilen der Opposition misstrauen. jungle.world. https://jungle.world/artikel/2026/07/kurden-iran-opposition-misstrauen-und-widerstand
Über den widersprüchlichen Umgang mit Trans-Personen im Mullah-Regime. → Hodaie, D. (2025). Der Umgang der Theokratie Iran mit trans Personen. In C. Leder & T. Saraç (Hrsg.), Liebe ist halal (S. 118–143). Querverlag.
Die Muster, die Donja Hodaie hier beschreibt, reichen weit über den Iran hinaus: Überall dort, wo Staaten, Gesellschaften und Kulturen Uniformität erzwingen, wird Pluralität zur Überlebensfrage – für Jüd:innen, für Kurd:innen, für queere Menschen, für jede Minderheit. Und letztlich für alle, die frei leben wollen.
Veröffentlicht am 2026-03-01 auf joelroerick.com/blog/2026/03/purim